Minimum Viable HR: Gutes HR muss nicht alles auf einmal leisten.
- Ulli Hummelberger

- 2. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen
Über das kleinste HR, das wirklich trägt.
Kennst du das? Die Liste im Kopf ist lang. Das Onboarding gehört überarbeitet. Ein Recruiting-Prozess, der diesen Namen verdient, wäre auch fällig. Die Führungskräfte hätten gern mehr Unterstützung. Und eigentlich – ja, eigentlich – würdest du endlich an Kultur und Entwicklung arbeiten. An dem also, weswegen du dich überhaupt mal für HR entschieden hast.
Die Herausforderung ist häufig: das Tagesgeschäft frisst den Tag. Und am Ende der Woche bleibt oft ein leises Gefühl zurück. Ich laufe hinterher. Ich reagiere. Ich komme nie dazu, wirklich etwas aufzubauen.
Wenn du das kennst, ist dieser Text für dich.
Das Problem ist selten zu wenig HR. Es ist zu viel auf einmal.
In vielen Organisationen, gerade in wachsenden, ist HR über die Jahre einfach mitgewachsen. Aus „das macht wer nebenbei" wurde irgendwann eine echte Aufgabe – aber selten mit einem Plan dahinter. Und so wird die Liste dessen, was „man eigentlich machen müsste", immer länger.
Dazu kommt eine verlockende Falle: der Blick zu den Großen. Dort gibt es Talentprogramme, Feedback-Systeme, Employer-Branding-Kampagnen, ausgefeilte Entwicklungspfade. Also versucht man, ein bisschen von allem gleichzeitig aufzubauen.
Und genau da beginnt das Problem.
Weil alles gleichzeitig wichtig scheint, wird nichts davon richtig gut.
Man startet einen Kultur-Workshop, während die Arbeitsverträge nicht sauber sind. Man baut ein schönes Entwicklungsprogramm, während das Onboarding reiner Zufall bleibt. Es fühlt sich nach Fortschritt an – und trägt trotzdem nicht.
Was HR von Startups lernen kann.
In der Startup-Welt gibt es einen Begriff, der mir dabei nicht mehr aus dem Kopf geht: das Minimum Viable Product. Also nicht das fertige, perfekte Produkt mit allem Drum und Dran – sondern die kleinste Version, die schon wirklich funktioniert. Etwas, das trägt, echten Nutzen stiftet und von dort aus weiterwächst. Was Eric Ries für Produkte beschreiben hat, gilt genauso für HR.
Ich habe angefangen, HR genau so zu denken. Ich nenne das für mich Minimum Viable HR. Und damit meine ich ausdrücklich nicht: so wenig HR wie möglich. Sondern das kleinste HR, das wirklich trägt – und das mit der Organisation mitwächst. Nicht das HR, das am meisten kann. Sondern das, das bewusst entscheidet, was jetzt dran ist. Es ist eine Einladung, den Druck rauszunehmen. Du musst nicht alles auf einmal können. Du brauchst eine bewusste Reihenfolge.
Drei Ebenen – und warum die Reihenfolge alles verändert.
Wenn ich mit HR-Teams draufschaue, sortiere ich die vielen „Baustellen" gerne in drei Ebenen. Nicht als Organigramm – sondern als Kompass.
Das Fundament. Das, was einfach stimmen muss: rechtssichere Verträge, verlässliche Abrechnung, ein Onboarding, das kein Glücksspiel ist. Unspektakulär? Vielleicht. Aber hier entsteht Vertrauen – oder es bröckelt. Ohne stabiles Fundament wird alles darüber wackelig.
Die Wachstumsbeschleuniger. Das, was Wirkung freisetzt: eine HR-Software, die dir Zeit zurückgibt. Ein Recruiting, das nicht bei jeder Stelle bei null beginnt. Und HR als echte Rückenstärkung für Führungskräfte, statt als reine Verwaltungsstelle.
Die Ernte. Das, was aus solidem HR echte Anziehungskraft macht: Entwicklung, Kultur, Organisationsentwicklung und vor allem Mindset und Haltung (aber dazu mehr in einem anderen Beitrag). Genau das, was uns im HR am meisten am Herzen liegt.
Und jetzt kommt der Punkt, der in der Praxis den Unterschied macht:
Die Reihenfolge ist kein Zufall. Sie ist die eigentliche Strategie.
Die Ernte trägt erst dann wirklich, wenn die Basis steht. Ein Kultur-Programm auf einem wackeligen Fundament ist wie ein Baum, der Früchte tragen soll, ohne Wurzeln geschlagen zu haben. Er blüht schön – bis der erste Sturm kommt.
Die Erlaubnis, nicht alles auf einmal zu stemmen.
Das Befreiende an diesem Blick ist: Er nimmt dir nichts weg. Er gibt dir eine Erlaubnis.
Die Erlaubnis, nicht alles gleichzeitig zu stemmen. Die Erlaubnis, bewusst zu entscheiden, was jetzt dran ist – und was bewusst später kommt. Und die Erlaubnis, deine Rolle neu zu sehen: nicht als jemand, der ständig Brände löscht, sondern als jemand, der etwas aufbaut, das wächst.
Ich erlebe immer wieder, wie viel Ruhe entsteht, wenn ein HR-Team aufhört, an zehn Dingen halb zu arbeiten, und anfängt, an den zwei wichtigsten Dingen ganz. Plötzlich ist da wieder Luft. Und mit der Luft kommt das, was HR eigentlich ausmacht: ein guter Blick für Menschen und Organisation.
Die eigentliche Kunst in HR.
Vielleicht liegt gutes HR gar nicht darin, möglichst viel zu tun. Vielleicht liegt es darin, das Richtige zuerst zu tun. Denn HR ist eben kein fertiges Gebäude. Es ist etwas etwas Lebendiges, das mit der Organisation und ihren Menschen mitwächst. Bewusst. Schritt für Schritt. Hands on. Heart in.
Du fragst dich gerade, was in deiner Organisation das „Fundament" ist – und was ein sinnvoller erster Schritt wäre? Ich denke gerne mit dir darüber nach - unverbindlich und mit echtem Interesse. Ich freue mich auf unser Gespräch.
Alles Liebe, Ulrike.
PS: Was diese Kunst ausmacht – Haltung, Vertrauen und die Fähigkeit, erst zu beobachten statt gleich zu bewerten – dazu mehr im nächsten Beitrag.
Literatur & weiterführende Gedanken
Die Gedanken in diesem Beitrag sind inspiriert von verschiedenen Ansätzen aus Lean-Startup-Denken, Priorisierung und modernem HR-Management:
Eric Ries: The Lean Startup (2011) – zum Minimum Viable Product und zum iterativen Aufbau
Greg McKeown: Essentialism (2014) – zur disziplinierten Konzentration auf das Wesentliche
Stephen R. Covey: First Things First (1994) – zu Priorisierung und dem Prinzip „das Wichtige zuerst“
Jim Collins: Good to Great (2001) – zur richtigen Reihenfolge als eigentlicher Strategie
Dave Ulrich: Human Resource Champions (1997) – zu HR als strategischem Partner der Führung
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation (2001) – zur Unterscheidung von Beobachtung und Bewertung
Chris Argyris / Peter M. Senge: Ladder of Inference (in „The Fifth Discipline“, 1990) – dazu, wie schnell unser Denken von Wahrnehmung zu Urteil springt


